Tschernobyl – Der Reaktorunfall

Kernkraftwerk Tschernobyl nach dem Unfall / (c) Informationskreis Kernenergie, 1996

Das AKW Tschernobyl liegt im weißrussisch-ukrainischen Waldgebiet am Ufer des Flusses Prepjet, der in den Dnjepr mündet.

Die Diskussion um die friedliche Nutzung der Atomenergie ist längst nicht zu Ende, auch wenn die rot-grüne Regierung in Deutschland den Ausstieg - allerdings erst in über 30 Jahren - beschlossen hat. Unumstritten dürften mittler-weile das Risikopotential und das Problem der Lagerung der radioaktiven Abfälle sein, die so vehement gegen diese moderne und effiziente Form der Energiegewinnung sprechen. Fakt ist aber, dass umgerechnet rund eine Milliarde Menschen von Atomenergie versorgt werden. Dafür einen Ersatz zu finden, wird sicher in den nächsten Jahrzehnten nicht einfach sein.

Der folgende Text ist ein Zusammenschnitt aus einem Werbematerial*, das ich im Physik-unterricht erhalten habe. Vielleicht interessiert es den einen oder anderen, wie es zu diesem Unfall wirklich gekommen ist.

* (c) Informationskreis Kernenergie, Bonn 1996

Der Unfall im Kernkraftwerk Tschernobyl ist der folgenreichste Vorfall in der über 50-jährigen Geschichte der Kernenergienutzung. Die beträchtliche Freisetzung von radioaktiven Spaltprodukten führte zu einer starken Belastung der Rettungsmannschaften und der Bevölkerung in der Nähe des Standorts. In vielen Ländern der Welt waren die Menschen in den Tagen nach dem Unfall besorgt über die ungewissen Folgen dieses Ereignisses. was durch die zögerliche Informationspolitik der sowjetischen Behörden noch verstärkt wurde. Ursachen, Hintergründe und Folgen des Unfalls sind in den vergangenen zehn Jahren von verschiedenen wissenschaftlichen Institutionen untersucht und bewertet worden. Mittlerweile ergibt sich ein einigermaßen geschlossenes Bild.

Der Tschernobyl-Reaktor

Bei den RBMK-Reaktoren handelt es sich um eine sowjetische Reaktorlinie, die entwickelt wurde, um ursprünglich nicht nur Strom, sondern auch Plutonium für militärische Zwecke zu gewinnen. Im Vergleich zu deutschen Kernkraftwerken weist die Konzeption dieser Reaktoren einige schwerwiegende Nachteile auf, die auch für den Unfall in Tschernobyl wesentlich mitverantwortlich waren. Die RBMK-Reaktoren sind nicht inhärent sicher, wie es bei den gängigen westlichen Reaktoren der Fall ist. Sie haben zudem keine druck- und gasdichte Hülle (Containment), die das Reaktorgebäude umschließt, und zeigen erhebliche Defizite bei den Sicherheitseinrichtungen und Notkühlsystemen. Obwohl die technischen Mängel der RBMK-Reaktoren einzelnen sowjetischen Fachleuten bekannt waren, wurden sie weder abgestellt, noch in Form entsprechender Betriebsbeschränkungen den Betriebsmannschaften bewusst gemacht.

Anfang der 50er Jahre wurde in der UdSSR mit der Entwicklung eines Druckröhren-Reaktors mit Siedewasserkühlung und Graphitmoderator begonnen. Ende der 60er-Jahre waren mehrere kleine Anlagen in Betrieb. Danach ging man sogleich auf Blockleistungen von 1000 Megawatt (MW) über. Da es sich um eine Reaktorlinie handelte, die auch zur Plutoniumgewinnung für militärische Zwecke genutzt werden konnte, wurden diese RBMK-Reaktoren nicht exportiert. Planungen für Einheiten bis zu Blockgrößen von 2400 MW wurden inzwischen eingestellt.

Der Unfall

Der Unfall ereignete sich während eines Tests in der Nacht vom 25. auf den 26. April 1986, bei dem geprüft werden sollte, ob man bei einem Stromausfall die Rotationsenergie der Turbine noch übergangsweise zur Stromerzeugung nutzen kann, bis die Notstromaggregate hoch gelaufen sind. Etwa eine Minute nach Testbeginn gab es im Reaktor einen jähen Leistungsanstieg. Augenzeugen außerhalb des Reaktors beobachteten zu diesem Zeitpunkt zwei Explosionen mit Materialauswurf. Die Anlage wurde stark beschädigt. Die Feuerwehrleute und die Hilfsmannschaften mussten mangels Erfahrung mit derartigen Unfällen improvisieren. Durch Wassereinspeisung, Abwurf verschiedener Materialien aus Militärhubschraubern und Einblasen von Stickstoff gelang es, die Freisetzung der radioaktiven Schadstoffe allmählich zu verringern. Aus der Region um den havarierten Reaktor wurden in den ersten Tagen über 100.000 Menschen evakuiert. Nach ersten Untersuchungen ging man noch davon aus, dass menschliche Fehlhandlungen in Verbindung mit Systemschwächen der RBMK-Reaktorlinie den Unfall verursachten. Mittlerweile sieht man in den Systemschwächen die wesentlichen Ursachen.

Die Folgen

Aus dem beschädigten Reaktor wurden in den ersten zehn Tagen nach dem Unfall große Mengen an radioaktiven Stoffen freigesetzt. Durch den Auftrieb gelangten sie in Höhen über 1.500 m und wurden großflächig verteilt. Aufgrund der damals bestehenden Wetterverhältnisse nahm die radioaktive Wolke verschiedene Richtungen. Besonders betroffen waren die Ukraine, Weißrussland und Russland. Außerhalb der damaligen UdSSR wurden insbesondere Gebiete in Skandinavien, Deutschland und Teilen des Balkans belastet. Die größten Strahlenbelastungen erlitten in den ersten Wochen nach dem Unfall Feuerwehrleute, Betriebsmannschaften und sog. "Liquidatoren", von denen über 600.000 eingesetzt wurden. Die besonders stark belastete Region um Tschernobyl wurde im Umkreis von 30 km in drei behördlich kontrollierte Zonen aufgeteilt. Für die Gebiete, die zwischen 30 und 500 km von Tschernobyl entfernt liegen, entwickelten die örtlichen Behörden ein Schutzkonzept für die betroffene Bevölkerung.

Welche Folgen die Strahlenbelastungen für die "Liquidatoren" und die besonders betroffenen Teile der Bevölkerung haben werden, ist schwer abzuschätzen, da auftretende Krankheiten häufig auch auf unzureichende medizinische Versorgung und die Emährungssituation zurückzuführen sind. Fest steht, dass die Schilddrüsenbelastungen mehrerer tausend "Tschernobyl-Kinder" in den ersten Tagen nach dem Unfall viel zu niedrig eingeschätzt wurden. Über die Zahl der Todesopfer aus dem Unfall insgesamt werden sehr unterschiedliche Angaben gemacht. Sachliche Ermittlungen hierzu wurden häufig von meist unsinnigen Zahlenangaben aufgrund von "Schätzungen" oder "Befürchtungen" überdeckt. Die Informationspolitik der sowjetischen Behörden in den ersten Wochen nach dem Unfall, in denen zu spät und nur lückenhaft Fakten veröffentlicht wurden, stieß sowohl bei der eigenen Bevölkerung als auch in den betroffenen Nachbarländern auf heftige Kritik.

Zustand des Sarkophags

Durch den großen Einsatz von Menschen und Material gelang es sowjetischen Spezialeinheiten, innerhalb weniger Monate einen Sarkophag um den beschädigten Reaktor zu errichten. Die Gebäudehülle und umfangreiche Dekontaminierungsmaßnahmen haben die Strahlung in der Umgebung erheblich reduziert. Über die Standsicherheit des Sarkophags liegen nur unvollständige Informationen vor, so dass möglicherweise umfangreiche Arbeiten zur Ertüchtigung der Konzeption anstehen. Weiterhin müssen komplexe Entsorgungsfragen gelöst werden. Nach dem Unfall wurde radioaktives Material in zahlreichen provisorischen Zwischenlagern auf dem Kraftwerksgelände deponiert. Von dem engeren Gebiet um den havarierten Reaktor werden noch für sehr lange Zeiträume Gefährdungen ausgehen. Die ukrainische Regierung lässt derzeit ein Konzept für die Zukunft der Schutzzone erarbeiten.

Internationale Auswirkungen

Die politischen und psychologischen Auswirkungen des Unfalls in Tschernobyl waren international unterschiedlich. Naturgemäß wurde insbesondere in Staaten mit eigener Kernenergiewirtschaft darüber debattiert, welche Richtung die nationale Kernenergiepolitik zukünftig haben sollte. Der Unfall erhöhte aber auch die Bereitschaft zu internationaler Kooperation bei der Reaktorsicherheit auf industrieller und behördlicher Ebene. Der Ausbau der Kernenergie wurde in zahlreichen Ländern unter dem Eindruck des Unfalls eingestellt oder reduziert. Zu dieser Ländergruppe zählen die USA und Deutschland sowie weitere westeuropäische Staaten. In Frankreich, Japan, und einigen asiatischen Staaten ging der Ausbau der Kernenergie weiter. Auf die ohnehin relativ kleinen Kernenergieprogramme einzelner Schwellen- und Entwicklungsländer dürfte der Unfall keinen wesentlichen Einfluss gehabt haben. Seit Anfang der 90er-Jahre deutet einiges auf eine Neubewertung der Kernenergie hin. Die wesentlichen Gründe sind die Vorteile der Kernenergie: Versorgungssicherheit, Wirtschaftlichkeit der Stromerzeugung sowie eine umwelt- und klimaschonende Erzeugung im Vergleich zu fossilen Brennstoffen.

Neubewertung

In jüngster Zeit deutet einiges auf eine Neubewertung der Kernenergie hin. Nach wie vor spricht für sie die Versorgungssicherheit. Kernenrgie gilt auch bei Abhängigkeit von Uranimporten als "quasi-heimische" Energiequelle, da der Brennstoffbedarf für mehrere Jahre problemlos gelagert und ohne wesentliche Kapitalbindung vorgehalten werden kann. Ein weiterer Vorteil sind die relativ niedrigen Brennstoffkosten des Urans. Hinzu kommt, dass Kernkraftwerke im Betrieb kein CO2 ausstoßen und zusammen mit den regenerativen Energieträgern als einzige verfügbare Option zur Klimaschonung angesehen werden. Die insgesamt rund 430 Kernkraftwerke, die derzeit in 30 Ländern betrieben werden, deckten 1995 rund ein Sechstel des globalen Strombedarfs. Nuklearstrom versorgt damit weltweit rechnerisch rund eine Milliarde Menschen.

Hast du gewusst, dass ...

  • Kiev, die Hauptstadt der Ukraine, nur 90 km von Tschernobyl entfernt ist.
    Die Großstadt mit 2,6 Millionen Einwohnern hat der damaligen Wetterlage ihr Überleben zu verdanken.
  • rund eine Milliarde Menschen von Nuklearstrom versorgt werden.
    Kernenergie deckt ca.18% vom weltweiten Stromverbrauch ab.
  • in Österreich ein AKW gebaut wurde, aber nie in Betrieb ging.
    Das AKW Zwentendorf wurde zwar 1977 fertig gestellt, aber in der danach (!) stattfindenden Volksabstimmung mit 50,4% der Stimmen abgelehnt. Die Bemühungen zur Inbetriebnahme von Zwentendorf wurden nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl eingestellt.
  • das vermeintlich saubere Österreich bewusst auf Atomstrom setzt.
    Mit Wasserkraft alleine kann der Strombedarf bei weitem nicht gedeckt werden. Österreichs Stromfirmen importieren daher meist einen beträchtlichen Anteil (ca. 20 %, Tendenz steigend) Atomstrom aus unseren Nachbarländern. Fairer Weise muss aber erwähnt werden, dass es nach der Liberalisierung auch Ökö-Angebote gibt, die auf Atomstrom gänzlich verzichten. Diese bleiben aber auf Grund des höheren Preises ein Nischenprodukt.

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